Friedrich Tenbruck: Aufklärung und Staatsreligion

Kaum je wird in Theologie und Kirche thematisiert, dass die Verkündigung des Evangeliums seit langem schon (mit sehr ungleichen Spiessen) gegen den Anspruch der staatlichen geförderten Bildung und Kultur ankämpft.

In einer kenntnisreichen, engagierten, 1990 publizierten und leider kaum rezipierten Studie hat der Tübinger Soziologe Friedrich Tenbruck herausgearbeitet, dass das Narrativ von der Aufklärung als einer aufklärenden Macht sehr vereinfacht und vielfach irreführend ist. Es war und ist keineswegs so, dass die aufklärerischen Ideen sich durch ihre unwidersprechliche Evidenz durchgesetzt haben. Vielmehr musste ihre Herrschaft von Anfang an auch durch manipulative Propaganda, politische Intrigen und den Einsatz blutiger Gewalt aufgerichtet und abgesichert werden. Auch die Aufklärer erhoben den Anspruch einer staatstragenden Religion.

aus Das Pfarramt, 2009, Seiten 333-336, zu Friedrich Tenbrucks Kulturkritik