Kollegiales Unverständnis

Der Kollege und Supervisor Bernd Berger äusserte im Publikationsorgan der reformierten Kirchen der Schweiz sein völliges Unverständnis für das Buch. Es kam zur Unzeit. Es mutete der Kollegenschaft, den grossen Kirchen und den akademischen Lehrern ein radikales Umdenken zu. Offen bekennt sich Beger dazu, dass dies für ihn nicht nachvollziehbar sei.
Seine Zusammenfassung ist flüchtig und an den entscheidenden Punkten unzutreffend.

So kontert er die Ausführungen zu Römer 13 mit der polemischen Frage: «Aber lässt sich dieser Text, der sich auf das Verhältnis der Christen zu den Obrigkeiten bezieht, auf das Pfarramt anwenden?» Er lässt die präzisen exegetischen Klärungen unerwähnt, ebenso die Tatsache, dass sich das Amtsverständnis an seinem geschichtlichen Ursprung am Verständnis des römischen Beamtentums orientiert – und das Luther das Papstamt zu akzeptieren bereit war, sofern es sich auf die in Römer 13 beschriebene Ordnungsmacht zurückbinden liesse. Solche Beobachtungen waren schon 2010 nicht «rückwärtsgewandt», sondern neu, verbunden mit der Verheissung, ein zukunftsweisendes Verstehen zu ermöglichen.

Aber dazu muss man bereit sein, angebahnte Wege des Denkens zu gehen.

Geradezu böswillig ist die Unterstellung, das Buch beschwöre «das Idyll der Pfarrfamilie … in der die Pfarrfrau dem Pfarrer sogar noch die Supervision ersetzt» (und also den Ehrentitel des Rezensenten in Frage stelle). Berger unterschlägt die herbe Schilderung des Alltags und unterstellt, dass sich der Autor die in einer Anmerkung zitierte Meinung eines aufklärerischen Autors aus dem 18. Jahrhundert kritiklos zu eigen gemacht hat.

Die Rezension dokumentiert den Willen der kirchlichen Würdenträger, sich ein kritisches Nachdenken zu ersparen. Denn schon fünfzehn Jahre nach Erscheinen des Buches ist es offensichtlich: Der Untertitel nicht «alarmistisch», wie Bernd Berger noch wohl behütet meinen konnte, sondern realistisch. Die europäische Kultur ist im Tiefsten gefährdet, und die Pfarrer (und die Pfarrerinnen) tragen mit ihrer Weigerung, über ihr Amt (selbst-)kritisch nachzudenken, zu diesem Zerfall massgeblich bei.