Die wohlwollende Rezension Im Jahrbuch für evangelikale Theologie bringt auch zur Sprache, inwiefern sich das pietistische und das evangelikale Denken schwertut mit den Erkenntnissen der Studie. Wo sie vertraute Verstehensmuster in Frage stellt, begegnet der Rezensent dieser Infragestellung mit einer Serie von Gegenfragen.
Es ist ja aber keineswegs so, dass das Buch einem Klerikalismus das Wort redet. Im Gegenteil: Sie stutzt die amtliche Autorität zurück auf das Mass einer nur eben ordnenden Macht und nimmt den Amtsinhabern die Illusion, dass ihr Ansehen und mögliche Erfolge auf ihre geistlichen Qualitäten zurückzuführen seien – und fordert den Verzicht auf jede nur formale Autorität, damit das Wort aus sich heraus seine Krafte entfalte (und nicht durch das, was die Pfarrer können, wollen und sind).
Und sie legt dar, weshalb die Charismen zur Geltung kommen, wenn allgemein bekannt und anerkannt ist, dass sie etwas kategorial anderes verleihen als ein institutionalisierter Dienst.
Ebenso rechnet die Studie mit der fortschreitenden Deinstitutionalisierung und Pluralisierung – arbeitet aber heraus, dass es eine Illusion ist, wenn die Kirchen die dadurch verbundenen Herausforderungen bewältigen möchten, indem sie auf das persönliche Vermögen der einzelnen Personen vertrauen.
Schliesslich rückt sie das «gegenkulturelle Moment» gerade nicht an den Rand, sondern macht einsichtig, dass zum pfarramtliche Dienst beides gehört: Die stete Kritik an den etablierten Denkmustern (von «Säkularisierung» und «Individualisierung», aber auch die Bereitschaft, mit dem – kirchenpolitisch insgeheim schon abgeschriebenen – Pfarrhaus nicht nur vollmundig von Gegenentwürfen zu reden, sondern sie in aller Stille und umso beharrlicher zu leben.
Die letzte Rückfrage dokumentiert, dass auch im Pietismus das moderne Zutrauen schlummert, mit veränderten Machtverhältnissen liesse sich Entscheidendes zum Guten verändern: «Demokratisierung» ist ein ordnungspolitischer Begriff. Die Studie erinnert demgegenüber daran, dass der Duktus der biblischen Schriften auf etwas anderes abzielt: Keine bessere Ordnung, sondern eine lebendig veränderte Lebenswirklichkeit, wenn das Wort Glauben schafft und mit ihm die Geduld und die Phantasie verleiht, in den je unterschiedlichen Situationen die unterschiedlichen Gaben zu erkennen, zu achten, und ihren Entfaltungsraum zu schützen, so dass sie ihre guten Früchte bringen können solange dafür Zeit ist.
