Die theologisch liberal geprägte Gemeinde Zweisimmen hatte vor allem eines zu bieten: Arbeit – begleitet von einem aussergewöhnlich umsichtigen und wohlwollenden Kirchgemeinderat.

Kurz vor dem Amtsantritt 1984 war für die evangelisch-reformierten Kirchen der neue Liturgieband zum Abendmahl erschienen. Die darin vorgesehene Möglichkeit, das Abendmahl in der Form der Messe zu feiern und Psalmen im Wechsel zu beten, erwies sich als eine unschätzbare Hilfe in dem Bestreben, die Gemeinde neu zu sammeln zum Dienst am Gotteswort. Die wohlwollenden, aber auch kritisch fragenden Reaktionen auf die Predigten trugen dazu bei, sich von der barthianischen „Christozentrik“ zu lösen und dem trinitarischen Gottesnamen gerechter zu werden: Sich nicht nur auf den Weg und das Werk des Sohnes zu konzentrieren, sondern auch dem Schöpfer und seiner Schöpfung und dem Heiligen Geist und seinem Wirken im Hier und Jetzt der Gemeinde die angemessene Aufmerksamkeit zu schenken.
Praktisch jede der knapp 30 Abdankungsgottesdienste im Jahr versammelte eine grosse Scharauf dem Friedhof und dann in der Kirche und zeichnete eine irritierte, frische Erwartung an das Bibelwort ins Leben des Dorfes. Die winterlichen Gottesdienste in den Schulzimmern der drei „Bäuertschulhäusern“ nötigten dazu, das Gotteswort möglichst direkt und alltagsnah zu verkünden und in den Gebeten auszusprechen, was die Versammelten bewegte.
Ein Schulleiter und eine Bauersfrau gaben den Anstoss, sich von den religionspädagogischen Modeideen zu emanzipieren und dem Unterricht mit Psalmwechsellesung, Choralgesang und Unservater einen liturgischen Rahmen zu geben und alle Kräfte zu bündeln, um den Jugendlichen den elementaren katechetischen Stoff zu vermitteln. Aus diesen Anfängen ist das Unterrichtsheft erwachsen mit den „Sieben Stücken aus dem Wort Gottes“. Im Übermass der Alltagsaufgaben war es eine entscheidende Hilfe, diesen Stoff stets schon rudimentär aufgearbeitet und griffbereit zu haben.
Die Gewohnheit, im Konfirmandenlager ein Kirchenspiel zu erarbeiten, trug in die drei intensive Tage mit den jeweils gut 45 Jugendlichen einen heilsamen Zwang, sich dem Inhalt zu widmen, die Kräfte zu bündeln – aber auch die Chance, jede und jeden der Jugendlichen persönlich wahrzunehmen und sich Momente lang ihnen individuell zuzuwenden.
Die Sonntagsschule band das Pfarrehepaar in einen Kreis von lebenserfahrenen Frauen ein und vermittelte bei Rück- und Ausblicken realistische Blicke auf die Kinder der Gemeinde und deren Familien. Die ca. 10 Hochzeiten und 30 Taufen im Jahr ermöglichten persönliche Gespräche mit jungen Gemeindegliedern. Die entsprechenden Erfahrungen trugen dazu bei, sich von den eigenen Erwartungen und den Denkmustern der praktischen Theologie zu emanzipieren:
Ein Kreis mit älteren, lebenserfahrenen Frauen brachte das Bibelwort ins Gespräch mit unterschiedlichen Lebensschicksalen und dem Willen, sich gegenseitig zu stützen und zu trösten.
Im Regionalspital war es möglich, am Montagnachmittag jeweils zehn bis zwanzig Gemeindeglieder zu besuchen und das zutreffende, tröstende Bibelwort für sie zu suchen (und als Hilfsmittel dazu eine Serie von Karten mit Bild, Text, Lied und Gebet zu erstellen).
Es gelang, den Seniorennachmittag neu zu etablieren, so dass acht Mal im Jahr 80 bis 120 ältere Gemeindeglieder sich trafen. Themen, die bewusst das Interesse der Männer weckten, sorgten dafür, dass es nie mehr zur Situation kam, die ein wohlwollender Bauer beim ersten Nachmittag (vor dem Neuanfang) beklagt hatte: Ich war das einzige „Mannevolk“.
Als wir aus der Gemeinde wegberufen wurden, konnte es im Stelleninserat heissen: „Junge Gemeindeglieder warten darauf, dass ein Pfarrer die Arbeit weiterführt.“ Viele von ihnen dienen bis heute im Kirchgemeinderat.