Basler Münster

Die Basler Münstergemeinde wollte den Kreis quadrieren: Einen engagierten Pfarrer gewinnen, der mit packenden Predigten neue Menschen ansprechen und sich gleichzeitig kritiklos in die bestehenden Ansprüche und Gewohnheiten einfügen könne.

In der Alltagsarbeit verwoben sich zwei spannungsreiche Aufgaben: Am Münster eine lebendige Gemeinde zu sammeln, die dieses Gotteshaus zu ihrer Gemeindekirche machte, und den vielbesuchten Kirchenraum mit seinen überreichen Botschaften zu nutzen als ein Experimentierfeld für neue Formen der Kommunikation mit einer tatsächlich oder vermeintlich säkularisierten Bevölkerung.

Dem letztgenannten Anliegen dienten Ausstellungen, Kirchenspiele, Vorträge, Kurse und ein Symposion.
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Für den Unterricht boten die gesetzlichen Regelungen fast optimale Bedingungen. Im 7. Schuljahr waren stadtweit vier Projekthalbtage für ihn frei. Es zeigte sich bald, dass sich so kein guter Spannungsbogen aufbauen liess. Viel hilfreicher war es, nach zwei Nachmittagen für eine Rüstzeitzeit von einem Abend zum nächsten zu reisen. Im 8. Schuljahr waren an zwei Vormittagen die ersten beiden Lektionen für den kirchlichen Unterricht reserviert. Der Konfirmationsunterricht im 9. Schuljahr hingegen musste sich in die undankbaren Stunden am Dienstagnachmittag nach 16 Uhr fügen, was Spannungen und Unzufriedenheit begünstigte. Es war dann eine gute Lösung, das katechetische Lernen auf den ersten Teil dieser Doppellektion zu konzentrieren und die Jugendlichen im zweiten Teil zu belohnen mit einem – abschnittweise präsentierten – Kinofilm (mit Inhalten, die dem katechetischen Auftrag zugutekamen).

Erst nach und nach ergab sich die Möglichkeit, mit Hilfe von Hochzeiten und Taufen jüngere Gemeindeglieder in gegenseitigen Kontakt zu bringen und sie gemeinsam für ihre Aufgaben in der Erziehung und in der Bewältigung ihres Alltags auszurüsten.

Gut zweihundert Besuche in den ersten Amtsjahren brachten keine Frucht. Erst später wurde klar, warum. Der Altmeister der Pastoraltheologie hatte ja aber deutlich herausgestellt: Methodische Besuche führen nur dazu, dass sich die Gemeindeglieder methodisch zu verstecken wissen.

Auch Spital- und Altenbesuche waren kaum in einer sinnvollen Weise möglich. Der Seelsorgebezirk im innersten der Stadt umfasste ca. 1000 Gemeindeglieder, wobei es jährlich zu etwa 300 Mutationen kam. Oft waren Neuzugezogene schon nicht mehr da, wenn sie begrüsst werden sollten.

Die Geschichte der Gemeinde hatte Fakten geschaffen, die aus der pastoralen Arbeit zunächst eine mission impossible machten. Die Münstergemeinde umfasste drei Kirchen mit unterschiedlichen Gottesdienstkulturen: Die kleine St. Jakobskirche mit einem altpietistisch geprägten, intensiven Gemeindeleben einer überschaubaren Gemeinschaft, die Gellertkirche aus der Nachkriegszeit, die sich einem us-amerikanisch geprägten Gemeindeaufbau widmete und bald einmal Menschen aus einem weiten Umfeld zusammenführte zu Gemeinschaft, Predigt und Worship, und das Münster mit dem Anspruch, den Glauben auch intellektuell zu nähren mit Predigten, die seine Infragestellungen in Frage zu stellen vermochten. Die Gemeindeglieder und die von auswärts Anreisenden bewegten sich frei zwischen diesen drei Gemeindeteilen.

Die Tatsache, dass am Münster zwei Pfarrer gleichberechtigt nebeneinander arbeiten sollten, ohne dass ihre Aufgaben in elementarer Weise aufgeteilt waren, erwies sich kräftezehrend und vielfach versuchlich. Ein Vorgänger, Leonhard Ragaz, hatte knapp hundert Jahre zuvor in einem Brief sarkastisch festgehalten: „In Basel ist der Glaube eine Rassenfrage.“ Er stellte zunehmend ratlos fest, dass sich zwar am Sonntag eine grosse, dankbare Gemeinde unter der Kanazel versammelte und ihm gern zuhörte, dass es aber eine stillschweigende Vereinbarung gab: Keine einflussreiche Bürgerfamilien durfte ihn – als den Nichtbasler – in Anspruch nehmen für die Taufe und den Konfirmationsunterricht ihrer Kinder oder als Prediger in einer Trauerfeier. Für einen Frucht bringenden pastoralen Dienst blieben entscheidende Türen zu.

Um die Jahrtausendwende wurde das Pfarrhaus an der Augustinergasse aber dann zum Evangelischen Studienhaus, in dem sechs Studierende, vornehmlich der Theologie, mit der Pfarrfamilie ein geistliches Leben teilten. Junge Familien drängten dazu, im Pfarrhaus eine gemeindeeigne Halbtageskrippe zu eröffnen. Unerwartet wurde das Münster zur Heimatkirche von über zwanzig jungen Familien, die am Sonntag am Gottesdienst teilnahmen und dann beim Kirchenkaffee ihre Eindrücke, Erkenntnisse und Alltagssorgen und –freuden miteinander teilten.

Jährlich zwei intensive Kurse (mit drei bis sieben Teilen in jeweils zwei Zeitfenstern) boten einer wachsenden Schar gut zubereiteten Stoff zum gemeinsamen Nachdenken und Austauschen.

Im Licht des Bibelwortes war zu erwarten, dass dies nicht nur Dankbarkeit und Freude, sondern auch Verlustängste und Neid weckte. Dennoch kam es unerwartet, dass dieses aufkeimende Leben mit kirchenpolitischer Macht zerschlagen wurde.